Aotearoa
2 April 2008 by schroed
Heute habe ich mir etwas Zeit genommen, um diesen Text über Neuseeland (auf Maori Aotearoa, übersetzt das “Land der großen weißen Wolke”) und ein paar angrenzende Themenkomplexe zu finalisieren, an dem ich immer mal wieder ein bisschen was geschrieben habe. Dabei habe ich versucht, die Ausführungen sowohl für Personen, die bereits am anderen Ende der Welt waren, als auch für diejenigen, die noch nicht das Vergnügen hatten, interessant zu gestalten. Denjenigen, die sich generell lieber nur Fotos anschauen beziehungsweise ungern längere Texte lesen, sei an dieser Stelle geraten, auf den nächsten Beitrag zu warten…
Prima. Vorweg sei nochmal etwas über die guten alten Vorurteile gesagt. Selbstverständlich macht man sich gerne Bilder von Dingen, die man sich nicht direkt vorstellen kann. Die Art des Bildes hängt dann insbesondere vom sozialen Kontext inklusive Bildung und Umfeld sowie dem Grad an Toleranz und Offenheit gegenüber Unbekanntem ab. Theorie und Praxis klaffen hier prinzipiell stark auseinander. Wie soll man auch ein objektives Bild über Orte wahren, die etliche Kilometer entfernt sind? Um dieses Phänomen mit einem Beispiel zu instanziieren, sei einmal umgekehrt das Bild der Deutschen aus Sicht eines Ozeaniers beschrieben.
Der Deutsche ist demnach generell perfektionistisch und muss alles bis aufs Kleinste durchplanen – ok, im internationalen Vergleich ist da schon was dran an diesem Vorurteil. Klassisches Beispiel sind die Fahrpläne der öffentlichen Verkehrsmittel. Kommt ein Zug oder Bus zwei Minuten zu spät, ist das Gestöhne in deutschen Gefilden groß: “Nie kommt die Bahn pünktlich!”, schon schlimm! Der komplette Vormittag ist nun im Eimer, schließlich war die Bahn ja wieder mal zwei Minuten zu spät. Der Nachmittag wird sicherlich auch nicht besser, schließlich kommt die Bahn nach der Arbeit doch bestimmt wieder zu spät…
Im Rest der Welt kann man meist froh sein, wenn das Verkehrsmittel überhaupt irgendwann kommt. In Neuseeland und vielen anderen Ländern steht an den Bushaltestellen beispielsweise einfach nur “Ankunft ungefähr um so und so”, wenn es überhaupt einen Fahrplan gibt. Der entscheidende Unterschied besteht allerdings darin, dass es hier auch niemanden tangiert. Dann sitzt man halt da, genießt die generell erheiternde Sonne und unterhält sich ein bisschen mit den anderen Wartenden über … naja, jedenfalls nicht über das schlechte Wetter, die neuste Bild-Schlagzeile oder die katastrophalen Zustände der ach so furchtbaren Verkehrsmittel. Und wenn man ein bisschen zu spät kommt, beispielsweise zur Arbeit, dann bleibt man halt einfach etwas länger dort. Fertig. Zu Hause wird man nämlich auch nicht um 17:23:42 Uhr erwartet.
Ok, offensichtlich kein gutes Beispiel. Nehmen wir lieber den Klassiker: Deutsche laufen generell mit Lederhosen beziehungsweise Dirndl durch die Gegend und essen morgens, mittags, abends Sauerkraut mit Würstchen. Der Bierkonsum muss irgendwo zwischen vier und fünf Riesenkrügen pro Tag liegen. Viele haben wohl das Bild, dass alle Deutschen (auch liebevoll “Krauts” genannt) ein großes Sauerkrautfass in der Küche stehen haben. So waren die Australierinnen beispielsweise ernsthaft schockiert, als sie auf den Wunsch hin, von Markus in Deutschland Sauerkraut serviert zu bekommen, eine Sauerkrautpackung aus dem Supermarkt im Mülleimer fanden (“Was ist das denn? Das hätten wir auch hinbekommen!”). Außerdem haben unsere Autobahnen schätzungsweise 20 Spuren in jede Richtung und weil die Deutschen so mürrisch, skeptisch, misstrauisch, pessimistisch und unfreundlich sind, liegt die Durchschnittstemperatur wohl irgendwo bei -20° Celsius.
Die Liste lässt sich endlos weiterführen. An dieser Stelle soll das aber erstmal reichen – die Zielrichtung dürfte klar geworden sein. Außerdem hatte ich mich über Vorurteile gegenüber den Deutschen ja schon mal an anderer Stelle detaillierter ausgelassen. Und über Vorurteile innerhalb von Ozeanien habe ich in diesem Blog bereits etwas geschrieben – auf der Makroebene werde ich dieses Thema am Rande auch nochmal aufgreifen. Wie gesagt: Gesunder Lokalpatriotismus ist natürlich nicht verkehrt. Und genau: Die Dosis macht das Gift. Ein bisschen mehr würde Deutschland teilweise sicherlich gut tun – der Zusammenhalt während der WM war auf jeden Fall ein positives Beispiel. Auch in der internationalen Presse wurde dies neben einer vorher nicht erwarteten Gastfreundschaft mehrfach honoriert. Weniger wünschenswert sind dann selbstverständlich wiederum die … extremeren Ausprägungen in diversen Regionen des Landes.
Trotzdem, und jetzt bitte nicht falsch verstehen: Die “Erbschuld”, die wir ja gerne von verschieden Nationen “aufgedrückt” bekommen, sollte doch eigentlich langsam aber sicher nicht mehr von Bedeutung sein. Dazu wäre förderlich, wenn Medien und Geschichtsunterricht in manchen europäischen Ländern oder beispielsweise in Nordamerika Deutschland auch mal nach 1945 thematisieren würden. Es ist teilweise schon wirklich erschreckend, wie man von manchen Nationen, ohne dies weiter zu konkretisieren, im nichteuropäischen Ausland angeschaut und behandelt wird, wenn “rauskommt”, dass man Deutscher ist. Ein zu- oder hinterhergerufenes “Heil Hitler” ist dann in der Regel noch eine halbwegs freundliche Art der Zuwendung. Der Versuch, durch aufklärende Dialoge etwas zum Völkerverständnis beizutragen, ist in den meisten Fällen eher aussichtslos – die Vorurteile sitzen einfach zu tief…
In diesem Zusammenhang ist jedoch interessant, dass beispielsweise im neuseeländischen Geschichtsunterricht die Strategien und Taktiken der Deutschen im zweiten Weltkrieg oft als Beispiel für Genialität herangezogen werden. Dass Theorie und Praxis auch in diesem Fall stark divergierten steht natürlich auf einem anderen Blatt. Im deutschen Geschichtsunterricht läuft es jedenfalls dann ja eher nach dem Motto “da waren wir böse, da auch, und hier sowieso” ab. Was nicht heißt, dass unsere Vergangenheit alles andere als rosig ist. Der Blick über den Tellerrand fällt aber in der Regel der Notwendigkeit, politisch korrekt zu bleiben, zum Opfer. Gut, auch dieses Thema möchte ich dann an dieser Stelle nicht weiter konkretisieren…
Um es vorweg zu nehmen: Der Vergleich von Australien-Neuseeland zu Deutschland-Niederlanden hinkt gewaltig – sowohl geographisch (hier wäre zumindest distanzmäßig vielleicht eher Dänemark-Sizilien passend) als auch politisch, wirtschaftlich, biologisch (zum Beispiel Kiwi versus Kangaroo, Koala, Schlange, Krokodil, Riesenspinne…) und geschichtlich. Während Australien ja bekanntermaßen im Rahmen des britischen “Aus-den-Augen-aus-dem-Sinn Justizvollzugsprogramms” entstanden ist, wurde das zweitausend Kilometer östlich gelegene Neuseeland, das etwa die gleiche Fläche wie Großbritannien ausmacht, erst viel später entdeckt und schnell als wirtschaftliche Entität in den Welthandel integriert.
Dass Neuseeland und Australien neben Nordamerika und Südafrika Immigrationsziele der Europäer wurden, steht ebenfalls auf einem anderen Blatt und passierte erst viel später. In Bezug auf Machtgefüge muss dann außerdem generell zwischen globalen Konzerninteressen auf der einen Seite, bei denen die Welt in organisatorische Segmente mit klaren Berichtshierarchien eingeteilt wird und schnell der “kleine Bruder”-Eindruck enstehen kann, sowie politischen Interessen auf der anderen Seite differenziert werden. Zur Verdeutlichung des Gesagten bietet sich ein Zitat aus dem Rough Guide to New Zealand an (fünfte Ausgabe, 2006, Kapitel 3: Insert “Kiwi Identity”: Neighbourly Relations):
To the bemusement – and irritation – of both New Zealanders and Australians, their two countries often seem largely indistinguishable to the rest of the world. Certainly the accents sound similar to the untrained ear, and the confusion is compounded by flags which are virtually identical. Indeed, the two countries’ paths could have been closer had New Zealand decided to join the Federation of Australia at the end of the nineteenth century.
In reality, their identities are quite distinct. With far larger communities of immigrants from southern Europe and the Middle East, Australia has always leant less towards Britain and more towards the United States, a similary large country forging its way with a wide range of immigrants. The New Zealand experience was different, drawn more from the parallel paths of the Anglo-European newcomers and the native people. While Maori rights and expectations haven’t always been respected, they fare far better than Australian Aborigines and New Zealand sees itself as having a more collective social model.
In the field of international relations New Zealand has taken a much more independant line than its neighbour, notably in adopting a strong anti-nuclear stance. Back in 1973 the New Zealand government send a frigate to protest against the French atmospheric nuclear testing in the South Pacific, and in 1984 banned American nuclear-powered warships from its waters. More recently New Zealand refrained from participating in current Allied operations in Iraq.
Of course, both countries remain, to an important degree, outposts of British values far away from the old mother country, which has led to partnerships as well as competition in most spheres of life. The rivalry is particularly deep-seated in the sporting arena, where getting one over the Aussies ensures Kiwis get to exercise maximum bragging rights.
Damit ist ja eigentlich alles gesagt. Zu erwähnen ist vielleicht noch, dass Australien vier Mal so viele Einwohner hat wie Neuseeland, die Landmasse aber auch überproportional größer ist. Während sich die Hälfte der Bevölkerung in Australien auf Sydney und Melbourne verteilt, gilt dies in Neuseeland für Auckland, Wellington und Christchurch. Jetzt kann man sich natürlich fragen, warum es in Australien zu solchen Auseinandersetzungen mit den Aborigines kam, wenn doch so viel Land zur Verfügung steht. Fakt ist, dass nur die Küsten bewohnbar sind, da alles andere Wüste ist.
In Bezug auf den Umgang mit “Natives” werden in Australien tatsächlich Parallelen zu Nordamerika deutlich. Aborigines wurden von den freigekommenen Schwerkriminellen und den ersten Siedlern wie Vieh behandelt. Im besten Fall wurden sie in Reservaten untergebracht. Erst kürzlich veranstalteten die Australier einen medienwirksamen “Sorry-Day”, um sich für den Landraub und den unmenschliche Umgang zu entschuldigen. Am nächsten Tag wurde dann allerdings fern ab der Mainstream-Medien bekanntgegeben, dass das bis dato jährlich und in verschiedenen Städten des Kontinents stattfindende Kulturfestival für Aborigines aus Kostengründen eingestellt wird…
In Neuseeland lief das alles etwas anders. Was nicht heißt, dass sich hier die ersten Siedler nicht auch gerne einfach das Land angeeignet hätte. Einige Maori-Stämme erkannten jedoch recht früh die Nützlichkeit der Waffen des weißen Mannes, weshalb im wirtschaftlichen Handel bald überwiegend Waffen als Gegenleistung verlangt wurden. Militärs mussten sich daher im neunzehnten Jahrhundert einer Überzahl von im Dschungel versteckten Kämpfern mit modernen Waffen annehmen. Aber nochmal einen Schritt zurück, da natürlich erst einmal Handelsbeziehungen geknüpft werden mussten.
Abel Tasman, ein niederländischer Seefahrer, erreichte 1642 Neuseeland, das er daraufhin Nieuw Zeeland taufte. Aus Angst vor den Maori betrat er jedoch nicht das unbekannte Land. Erst über einhundert Jahre später, 1769, knüpfte James Cook erste Kontakte mit den Maori. Dem Franzosen Marion du Fresne und seiner kompletten Besatzung gelang hingegen 1772 noch nicht einmal die Flucht aus den Bay of Islands, nachdem er weniger partnerschaftlich auf die Maori zugegangen war, denn auch ohne moderne Waffen konnten Maori sehr gut ihre Gegner ausschalten.
Schnell wurde deutlich, dass es ohne ein politisches Fundament keinen Frieden geben wird. So wurde 1840 das sogenannte “Treaty of Waitangi”, welches fortan als Gründungsdokument Neuseelands galt und das Datum der Unterzeichnung der neuseeländische Nationalfeiertag ist, von Abgeordneten der Queen und den Maori-Stammesführern unterschrieben. Darin wurde fixiert, dass das Land den Maori gehört und die Regierung durch die Queen gestellt wird. Zu dem Zeitpunkt hatten sich bereits die Städte Auckland, Wellington, Christchurch, Dunedin, Nelson, New Plymouth und Wanganui gebildet. Der Handel unter anderem mit Holz (insbesondere mit den riesigen Kauri-Bäumen für den Schiffsbau), Gold und Silber sowie Wolle und Fleisch (daher auch die vielen Schafe, die mittlerweile oft Rindern weichen mussten) florierte. Sehr früh entstand auch ein Dienstleistungssektor, der heute – im Informationszeitalter – einen entscheidenden wirtschaftlichen Beitrag leistet. Damalige Hauptstadt war außerdem Auckland; sie wurde erst 1865 in Wellington abgeändert.
Was nicht direkt offensichtlich war: Die Übersetzung enthielt einiges an Interpretationsspielraum, insbesondere in Bezug auf “wer hat was zu sagen”. Dennoch: Es gab ein weltweit einzigartiges politisches Fundament, mit dem die Parallelexistenz zweier Kulturen schriftlich fixiert wurde. Dass das Land dann teilweise zu Spottpreisen von den Maori erworben und teilweise zum zwanzigfachen Preis weiterverkauft wurde, ist dann wohl generellen, wirtschaftlichen Interessen zuzuschreiben. Dennoch, das traditionsbewusste und in Stämmen organisierte Maori-Volk, das wohl zwischen 1200 und 1300 aus Polynesien auf Kayaks nach Neuseeland gekommen war, hatte eigene Rechte. Und dass sich die Maori diese nicht nehmen ließen, wurde unter anderem in den blutigen Kämpfen zwischen 1860 und 1872 deutlich.
Heute leben “zwei” Kulturen friedlich nebeneinander und es gibt viele Halb-, Viertel- oder Achtelmaori, worunter auch einige der Rugby-Profis fallen. Rugby wird oft als Nationalsport, teilweise auch als Religion bezeichnet. Die “All Blacks” brauchen sich im internationalen Wettkampf auch keineswegs zu verstecken. Auch wenn die Amtssprache Englisch ist und alle Maori Englisch sprechen, wird vieles trotzdem zweisprachig ausgeschildert. Es gibt zahlreiche Schulen, in denen überwiegend Maori gesprochen wird und die Traditionen wie Weben, Schnitzen und Tattooing (Moko) von Generation zu Generation weitergegeben werden – so wie es auch schon geschah, als die Maori noch keine Schrift besaßen. Besonders Begabte erhalten Stipendien von der neuseeländischen Regierung. In Bezug auf Tattoos lässt sich sagen, dass früher die Stammesführer ihr Gesicht “bemalt” bekamen, wodurch der Status ausgedrückt wurde. Heute findet man nach wie vor viele Mokos, jedoch mehr an Armen und Beinen sowie am Rücken.
Die Internationalität und die damit verbundene Offenheit erhöht sich noch einmal durch viele Immigranten aus Asien und den verschiedenen Südpazifikinseln. Längst gibt es auch nicht mehr nur Immigranten aus England sondern aus ganz Europa sowie aus Süd- und Nordamerika. Einfacher gesagt: Aus der ganzen Welt. Und neben den zahlreichen Immigranten gibt es dann pro Jahr natürlich auch noch mehere Millionen Touristen, die teilweise wirklich anstrengend sein können – aber das ist ja natürlich kein Problem, dass es nur in Neuseeland gibt. Als Beispiel für Internationalität ziehe ich immer gerne mein damaliges Studentenwohnheimes heran: Dort lebten 400 Studenten aus 80 Nationen. Es war einfach unglaublich, wie man voneinander lernte und automatisch seinen Horizont erweitern konnte.
Der Vollständigkeit halber ist zu sagen, dass es selbstverständlich auch in Neuseeland Extreme gibt, die auf der einen Seite keine Maori und auf der anderen Seite keine Pakeha mögen (übersetzt heißt Pakeha so viel wie “Fremde”, bezieht sich aber meistens auf den “weißen Mann”). Teilweise gibt es auch in Gangs organisierte Gruppierungen. Ferner ist das Gehaltsniveau etwas unterschiedlich. Im internationalen Vergleich sind diese Erscheinungen aber eher vernachlässigbar. Zu erwähnen ist außerdem noch, dass bereits 1893 das Frauenwahlrecht in Neuseeland eingeführt wurde. Damit war Neuseeland weltweit die erste Nation, was ein weiteres Indiz für die gelebte Offenheit in Neuseeland ist und Vorbild für viele Frauenbewegungen auf der ganzen Welt war. Neuseeland ist übrigens seit 1947 vollkommen unabhängig von Großbritannien, auch wenn die Flagge etwas anderes vermuten lässt.
Nach all diesen Ausführungen möchte ich nun nochmal meine rhetorische Frage aus einem früheren Blogbeitrag, bei dem ich etwas über Lokalpatriotismus auf Mikro- (zum Beispiel Melbourne sucks, Sydney rocks) und Makroebene (zum Beispiel New Zealand sucks, Australia rocks) gesagt habe, anbringen: Würde es nicht Sinn machen, dass ganz Ozeanien zusammenhält und die verschiedenen Vorteile in den Vordergrund treten anstatt auf den jeweiligen Nachteilen, die es teilweise so gar nicht gibt und letztlich nur auf Vorurteilen beruhen, rumzureiten?
Vielleicht überlegt sich ja der ein oder andere nochmal, ob eine Mainstream-Aussage nach dem Motto “joa, also Australien will ich ja schon gerne sehen, aber Neuseeland, ach ich weiß nicht, da gibt es doch nur Schafe” nicht leicht disqualifizierend insbesondere in Bezug auf kulturelle Offenheit beziehungsweise als unreflektiertes Nachlabern irgendwelcher Patriotenparolen rüberkommt – zumal es keine günstigere Flugverbindung innerhalb Ozeaniens als Auckland-Sydney gibt, da sie am häufigsten verkehrt. Das ist mindestens genau so dumm, wie wenn Ozeanier oder Amerikaner auf Europareise sind, sich selbstverständlich als “junge Völker” gerne erst einmal Gebäude ansehen, die viele hundert oder sogar tausend Jahre alt sind (nach dem zweiten Weltkrieg lassen sich diese auf deutschem Boden ja leider mehr oder weniger an zwei Händen abzählen) und sich, wenn überhaupt, in Deutschland dann nur Dachau und München beziehungsweise im Extremfall nur das Hofbräuhaus anschauen – und damit schließt sich der Kreis.
Bleibt zum Abschluss eigentlich nur noch, etwas über Neuseelands Nationalvogel – den Kiwi – zu sagen, von dem es sechs unterschiedliche Arten gibt. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass er von der Evolution ein bisschen gestraft wurde: Da er keine natürlichen Feinde hatte, entwickelte er seine Flügel zurück. Als dann aber die ersten Katzen und Hunde in Neuseeland eingeführt wurden, sah er sich neuen Bedrohungen entgegen, konnte aber noch nicht mal wegfliegen. Die Überlebenschance eine jungen Kiwis liegt bei ungefähr fünf Prozent. Das hat unter anderem die Ursache, dass Ratten und Opossums gerne die Eier der Kiwis essen, auf die nicht besonders geachtet wird, wenn sie einmal gelegt wurden.
Opossums sind marderartige, australische Tiere, die sich genau wie Ratten in Handelsschiffen eingenistet hatten und so nach Neuseeland kamen. In Australien stehen sie unter Naturschutz, aufgrund mangelnder natürlicher Feinde sind sie in Neuseeland aber eine Pest, ähnlich wie die Kaninchen in Australien. Mittlerweile gibt es fast doppelt so viele Opossums wie Schafe in Neuseeland und mit verschiedenen Programmen wird versucht, die Plage in den Griff zu bekommen. Neben einem weiteren Nationalsport – Opossum-Roadkill – werden beispielsweise die Kiwi-Eier eingesammelt und an sicheren Plätzen ausgebrütet, Opossum-Giftfallen ausgelegt oder für viel Geld Zäune gebaut, die dem Kiwi ein unbeschwertes Dasein ermöglichen sollen. Einen speziellen Virus, wie man ihn in Australien verwendete, um die Kaninchenplage in den Griff zu bekommen, wollte man in Neuseeland nicht einsetzen, da die langfristigen Auswirkungen schwer vorhersehbar sind.
Dass Neuseeländer heute liebevoll als Kiwis bezeichnet werden, hängt wohl damit zusammen, dass ein 1911 in Großbritannien stationiertes, neuseeländisches Regiment den Kiwi als Symbol auf ihrem Regimentswimpel hatten. Schnell galten alle neuseeländischen Militärs als Kiwis und später übertrug sich diese Bezeichnung auch auf die Sportmannschaften. Last but not least gibt es dann ja auch noch die grüne Kiwi-Frucht, die ehemals “Chinese Gooseberry” hieß. Neuseeländische Farmer erkannten die Ähnlichkeit mit ihrem Nationalvogel und fortan wurde sie international unter dem Begriff “Kiwi-Fruit” vermarktet. In den letzten Jahren machte es dann noch eine weitere Kiwi-Sorte in die Obstregale – die gelbe Kiwi, eine Mischung aus Melone und grüner Kiwi. Die Schale von Kiwis ist außerdem essbar und sehr gesund, wobei die der gelben Kiwis defintiv besser schmeckt…
Also dann, bis bald und peace out!
Tach Schroed,
interessanter Artikel! Vielleicht kann ich ihn noch um einige Kommentare ergänzen:
Zunächst zu den Vorurteilen: Klar, der Weltkrieg ist noch nicht vergessen und Hitler ist wahrscheinlich die berühmteste deutsche Persönlichkeit weltweit. Auch den Sauerkraut- und Bier-Vorurteilen bin ich begegnet, aber ich glaube das dies eher gesagt wird um uns zu necken, als das die Leute tatsächlich fest daran glauben. Und ganz nebenbei zähle ich einen Besuch im Brauhaus bei Bier und Haxe mit Sauerkraut zu einem hervorragenden Bestandteil der Deutschen Kultur den ich nicht missen möchte!
Neben diesen Vorurteilen bin ich aber deutlich mehr positiven Vorurteilen begegnet, wie Fleiß, Pünktlichkeit, Qualität, hervorragende Bildung, Gastfreundschaft, etc…
Die Vergleiche zwischen Australien und Neuseeland finde ich gelungen, auch wenn ich immer wieder verwundert bin, warum es so unterschiedlich gelaufen ist. Schließlich wurden die Länder etwa zur gleichen Zeit besiedelt (Captain Cook ist im gleichen Jahr in NZ und AUS gelandet). Ob es daran liegt, dass in Australien in den ersten 100 Jahren ca. 160.000 Gefangene (Den Begriff “Aus-den-Augen-aus-dem-Sinn Justizvollzugsprogramm” fand ich sehr geil 😉 ) landeten und in Neuseeland nur freiwillige Auswanderer. Vornehmlich Briten waren es in beiden Ländern… Lag es vielleicht auch an den unterschiedlichen Kulturen der Eingeborenen!?
Ich weiß es nicht, aber Fakt ist, dass NZ es deutlich besser hinbekommen hat mit den Ureinwohnern zusammen zu leben als AUS. Da gehört eine große Portion Fingerspitzengefühl, aber auch Glück dazu, denn man muss wohl von Anfang an alles richtig machen. Wie schwierig so etwas ist kann man an modernen Beispielen wie dem Irak oder Afghanistan sehen.
Fernab von der Kultur bieten beide Länder aber das meiner Meinung nach Faszinierendste wenn man außerhalb Europa reist: Große unbesiedelte Flecken Erde, auf denen man die Natur noch ursprünglich genießen kann. Für welches der beiden Länder man sich dann entscheidet, hängt dann davon ab, welche Natur man sehen will. Outback, Bush, Strände und Korallenriffe oder Vulkane, Fjorde, Thermalquellen, Wälder, Wiesen und Strände. Für mich ist die Entscheidung klar: BEIDES!
sehr informativ, danke.
…das schien Dir ja schon seit geraumer Zeit am Herzen zu liegen. Vielen dank für die feine Aufklärung, sehr nice.
Da stolpere ich doch heute morgen noch über diesen Artikel:
http://www.tagesschau.de/ausland/bbcstudie4.html
Das spiegelt sich auch mit meinen Erfahrungen im Ausland!
gunnar, jannis: sehr gerne 🙂
markus: danke fuer die ergaenzungen. stimme ich voll und ganz zu. klar, es gibt natuerlich auch positive vorurteile ueber deutschland. waere ja schade, wenn es nicht so waere 😉 habe ich defintiv auch erfahren… und in vielerlei hinsicht gibt deutschland weltweit ein sehr gutes bild ab (politisch, wirtschaftlich etc.) und sorgt so dafuer, auf lange sicht das image, das manche leider haben, aufzupolieren. wenn jeder fuenfte aber (der studie nach) kein zu gutes bild von deutschland hat (und wahrscheinlich jeder dritte zum beispiel in england, von wo es ja in ozeanien viele immigranten gibt), dann ist das schon ein grosser teil, der einem im ausland dementsprechend begegent. wie heisst es immer so schoen: negatives feedback erreicht einen schneller als positives. generell sollten die ausfuehrungen halt deutlich machen – quasi am beispiel deutschland – wie dumm viele vorurteile sind… am eigenen beispiel funktioniert sowas ja dann doch meistens am besten.
Mir fällt gerade noch ein Aspekt ein, den ich immer bei den Vorbereitungsseminaren für zukünftige Austauschschüler gepredigt habe:
Vorurteile werden eigentlich immer negativ wahrgenommen. Schon das Wort selbst klingt schrecklich negativ: Ich urteile über jemand, bevor ich ihn überhaupt kenne.
So negativ das Wort und die damit verbundenen kulturellen Missverständnisse auch sein mögen, Vorurteile haben in den meisten Fällen eher eine sehr positive Seite: Ich mache mir vorher Gedanken darüber wie ich auf eine Person zugehe, oder wie ich mich in einer Kultur zu verhalten habe. In dieser Hinsicht sind Vorurteile auch ein wirksamer Schutz vor Gefahren (z.B. sollte man nicht Nachts durch Rio’s Favellas laufen, weil es dort Kriminelle gibt) und kulturellem Fehlverhalten. Und das obwohl man einfach generalisiert! (Nicht jeder Bewohner der Favellas ist auch tatsächlich kriminell)
So genug gesülzt! Ich finde das war ein richtig guter Artikel und generell sind Kulturunterschiede was extrem spannendes. Ich freue mich schon auf Südamerika, weil ich diese Kultur noch so garnicht kenne…
Hier lernt man ja sogar noch was…nicht schlecht Herr Seb !
toller beitrag. ich interessiere mich natürlich auch sehr für die fotos, würde aber durchaus mehr von solchen texten sehen wollen. es dauert zwar länger, aber manchmal sind das sogar die besseren erinnerungen – meine ich. bald gehts nach südamerika, man darf gespannt sein.
Hey mein Bruder! Ich bin auch sehr begeistert von der umfangreichen Einführung in die Kultur- und Vorurteilshintergründe. Grundsätzlich muss ich aber auch Markus zustimmen. Deutschlands Ruf ist viel besser als die Deutschen denken. Zum Glück. Aber trotzdem bin ich der Meinung, dass die Deutschen im Vergleich zu anderen Kulturen schon etwas pessmistischer sind und die Pünktlichkeit oft überbewertet wird. Vielleicht liegt das aber auch einfach daran, dass es hier eher regnet als dass die Sonne scheint. Und wer steht schon gerne im Regen, während er auf Bus oder Bahn wartet…
Euch beiden weiterhin noch genauso viel Spaß! Geht es dir eigentlich wieder besser?
Liebe Grüße und bis zum nächsten Blog – dann aber auch wieder mit Fotos, ja? 😉
Jule
genau, wie gesagt, natürlich gibt es auch gute vorurteile und ich bin auch der meinung, dass das bild deutschlands im ausland teilweise sehr gut ist. zum glück! habe ich auch oft erleben dürfen. ich wollte halt anhand des eigenen beispiels (der deutsche an sich) deutlich machen, wie absurd viele vorurteile doch sind – scheint nicht ganz eindeutig rübergekommen zu sein… wahrscheinlich hilft da nur zwischen den zeilen lesen 😉 ansonsten: jo, danke, war ja nichts wirklich tragisches: ein bisschen magenverstimmung hier (bali-nachwirkungen, dann sollte man keine muscheln essen!) und ein bisschen viele moskitostiche da… alles wieder im lot!